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Ferdinand von Roemer (*5.1.1818; †14.12.1891)

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C. F. Roemer (auch C. F. Römer) war ein deutscher Geologe und Paläontologe im 19. Jahrhundert. Als jüngster von sieben Geschwistern - darunter F.A. Roemer - wuchs er ab dem 6. Lebensjahr ohne Vater auf. Er studierte ab 1836 in Göttingen Jura, brach dieses Studium aber aufgrund politischer Entscheidungen notgedrungen ab und ging 1840 nach Berlin. Er erlangte die Doktorwürde 1842 mit seiner paläontologischen Arbeit "De astarum genere".

Carl HintzeRoemer, Ferdinand. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Bd. 53, Duncker & Humblot, Leipzig 1907, S. 451–458.

Roemer: Karl Ferdinand R., 1818–1891, Geologe und Paläontologe, ordentlicher Professor an der Universität Breslau.

Geboren am 5. Januar 1818 in Hildesheim. Sein Vater, der Obergerichtsrath Friedrich Roemer, von preußischer Herkunft, aus Magdeburg gebürtig, war im J. 1803 von der Regierung nach Hildesheim gesandt worden, das damals in preußischen Besitz übergegangen war, nach einer Einverleibung in das Königreich Westfalen aber 1815 vom Wiener Congreß dem Königreich Hannover zugesprochen wurde. Friedrich Roemer verheirathete sich mit Charlotte Lüntzel, der Tochter des letzten selbständig regierenden Bürgermeisters von Hildesheim, und starb 1823, als sein jüngster Sohn Ferdinand erst fünf Jahre alt war. Deshalb ist dem Sohne wohl kein lebhaftes Erinnerungsbild von dem Vater verblieben, den er kaum jemals erwähnte. Dagegen sprach Ferdinand R. oft und stets mit größter Liebe und Dankbarkeit von seiner Mutter, der die Erziehung von sieben Kindern, vier Söhnen und drei Töchtern, oblag. Ich erinnere mich, mehrfach von R. gehört zu haben, daß er nur in einem Punkte anderer Meinung war, wie seine gute Mutter, nämlich in Bezug auf die Schule. Wenn Roemer’s früh selbständiger Geist sich unter dem unvermeidlichen Schulzwang unbehaglich fühlte, wollte ihn die Mutter mit der Prophezeiung trösten, daß er sich später noch einmal nach den glücklichen Zeiten der Schule zurück sehnen werde. Der Sohn bestritt das entschieden und sagte noch schmunzelnd als Greis: „Die Schulzeit ist die gräulichste im menschlichen Leben“. Das hinderte aber nicht, daß er einzelnen Lehrern ein treues, dankbares Andenken bewahrte. Von der Schule her blieb R. bis an sein Lebensende ein begeisterter Verehrer des classischen Alterthums; doch auch auf der Schule wurde schon seine naturwissenschaftliche Neigung geweckt, und zwar besonders durch seinen Lehrer in der Mathematik, Dr. Muhlert, der als ein Freund der Natur seine Lieblingsschüler in die geologisch so interessante Gegend von Hildesheim führte, zum Galgenberg und Spitzhut, wo er mit ihnen Versteinerungen und Chalcedonkugeln sammelte, oder zu den Zwerglöchern, wo er ihnen die harten und dünnen Lias-Schiefer zeigte. Ferdinand und sein um zwei Jahre älterer Bruder Hermann R., der spätere Hildesheimer Senator und deutsche Reichstagsabgeordnete, wurden während ihres Aufenthaltes in den oberen Classen des evangelischen Andreas-Gymnasiums auch mit dem am katholischen Gymnasium Josephinum wirkenden Professor Johannes Leunis bekannt, dem Verfasser der so verbreiteten naturgeschichtlichen Schulbücher. Durch die Anregung von Leunis wurden die Brüder Roemer eifrige Käfersammler, wobei aber auch das Sammeln von anderen Naturkörpern, besonders von Versteinerungen fortgesetzt wurde. Als nun der älteste, schon 1809 geborene Bruder Friedrich Adolf nach Beendigung seiner juristischen Studien zu amtlicher Thätigkeit nach Hildesheim zurückkehrte, da wurde auch in ihm, der sich vorher neben seiner Juristerei schon für Botanik besonders interessirt hatte, durch die von seinen jüngeren Brüdern zusammengebrachten Versteinerungen die Lust für diesen Gegenstand erweckt. Friedrich Adolf sammelte und studirtes nun so eifrig auf diesem Gebiet, daß der Autodidakt nach kurzer Zeit im J. 1836 seine Schrift über das norddeutsche Oolithgebirge herausgeben konnte, eine Arbeit, welche die Grundlage unserer Kenntniß der Jura-Bildungen Deutschlands darstellt. Begreiflicherweise wurde nun wieder umgekehrt durch die eifrige und erfolgreiche Arbeit des Bruders die Neigung der Jüngeren für die Naturwissenschaften, speciell die Geologie gefördert und gestärkt. Dazu kamen die anregenden Besuche von Fachgeologen, wie Quenstedt, Wilh. Dunker, Fr. Hoffmann u. A., die mit Friedrich Adolf R. Excursionen machten, an denen auch die jüngeren Brüder theilnehmen durften.

Nach bestandenem Maturitätsexamen erklärten Hermann und Ferdinand R., daß sie Naturwissenschaften studiren wollten. Dem trat aber der älteste Bruder, der noch nicht daran dachte, die Juristerei als eigentlichen Lebensberuf aufzugeben, auf das Entschiedenste mit dem Ausspruche entgegen, daß niemand durch die Naturwissenschaften sein Brot mit genügender Sicherheit verdienen könne. Das leuchtete auch der Mutter ein, und gehorsam bezogen Hermann und Ferdinand zu Ostern 1836 die Universität Göttingen, um der Familientradition gemäß Jura zu studiren und die Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Doch unterließen sie nicht, sich auch weiter mit Naturwissenschaften zu beschäftigen, besonders während des in Heidelberg verbrachten Sommersemesters 1837, wo sie sich an den Zoologen Bronn anschlossen. In Göttingen hörten sie mit besonderem Eifer den Mineralogen und Geologen Hausmann, sowie den Botaniker Bartling, und betheiligten sich an deren lehrreichen Excursionen. Nach vollendetem Triennium meldeten sich beide Brüder, deren Zusammensein bisher kaum je unterbrochen war, zur juristischen Prüfung, aber nach verschiedenen Zielen hin. Hermann ging in Ausführung des schon auf der Universität gefaßten Beschlusses, ein unabhängiger Hildesheimer zu bleiben, in seine Vaterstadt und bestand hier das Advocatenexamen, während Ferdinand sich dem Staatsdienste widmen wollte und zum Richterexamen meldete. Dazu erhielt er jedoch keine Citation. Als andere, gleichzeitig mit ihm Gemeldete durch das Examen gegangen waren, wandte sich Ferdinand R. Beschwerde führend an die Oberbehörde und erhielt den Bescheid, durch die Gnade des Königs werde die Citation wohl bald erfolgen. Nicht mit Unrecht vermuthete R. den Grund dieser offenbaren Zurücksetzung in der Thatsache, daß sein ältester Bruder, der Amtsassessor Friedrich Adolf R., inzwischen einer von denen gewesen war, die, wie die bekannten Göttinger Sieben, nach der am 5. Juli 1837 erfolgten Aufhebung des hannöverschen Staatsgrundgesetzes dem König Ernst August den Huldigungseid verweigerten *). Ferdinand Roemer’s Antwort, „daß er von der Gnade des Königs nichts verlange, und er überhaupt auf die Citation verzichte, wenn sie nicht als sein gutes Recht erfolge,“ schnitt ihm für immer die juristische Laufbahn in Hannover ab; doch darf man wohl annehmen, daß R. die Juristerei ohne allzu tiefes Bedauern aufgab.

*) Friedrich Adolf Roemer wurde später Bergrath und Vorstand der Bergschule, resp. Bergakademie in Clausthal. Außer der schon oben genannten Arbeit über das norddeutsche Oolithgebirge gab er heraus „Die Versteinerungen des norddeutschen Kreidegebirges“ (1840), „Die Versteinerungen des Harzgebirges“ (1843), „Beiträge zur geologischen Kenntniß des nordwestlichen Harzgebirges“ (5. Abthlg., 1850–1866). Hermann Roemer führte im Auftrage der Regierung die geologische Untersuchung der südlichen Hälfte Hannovers aus (1845–55), deren Ergebniß die geologische Karte von Hannover in 7 Blättern darstellt; ferner erschienen von ihm „Die geologischen Verhältnisse der Stadt Hildesheim“ (1884). So wurden drei von den vier Brüdern Roemer hervorragende Geologen; der vierte wurde Landwirth.

Er bezog 1840 die Universität Berlin, hörte bei Lichtenstein Zoologie, bei Johannes Müller Anatomie und Physiologie; bei Steffens Anthropologie, bei Mitscherlich und Heinrich Rose Chemie, bei Dove Physik. Besonders aber zogen ihn, wie er in seiner Inauguraldissertation selbst angibt, die Vorlesungen von Chr. Sam. Weiß über Krystallographie und Mineralogie, von Gustav Rose über Mineralogie und Geognosie, sowie von v. Dechen über die Geologie Deutschlands an. Am 10. Mai 1842 erwarb er die philosophische Doctorwürde auf Grund einer paläontologischen Arbeit „De astarum genere“; seine Opponenten waren Beyrich, Ewald und Girard, auch sie später als hervorragende Geologen bekannt. Kurz darauf wurde R. von dem damaligen Chef des Bergwesens Grafen v. Beust beauftragt, eine geognostische Untersuchung des Rheinischen Gebirges mtt Bezug auf Herstellung einer allgemeinen geologischen Karte des Königreichs Preußen vorzunehmen; eine Arbeit, welche Jahrzehnte hindurch die Grundlage für die Forschung im Gebiet des „Rheinischen Uebergangsgebirges“ (Hannover 1844) gewesen ist. Bereits im Sommer 1844 hatte er sich einigen anderen Theilen des rheinisch-westfälischen Gebirges (namentlich dem Teutoburger Walde) zugewandt, als er dem Rathe von Leopold v. Buch und Alexander v. Humboldt folgend den Beschluß faßte, eine größere wissenschaftliche Reise ins Ausland, und zwar nach Nordamerika zu unternehmen. Zur Bestreitung der hohen Kosten trug die Berliner Akademie der Wissenschaften bei; auch L. v. Buch stellte aus eigenen Mitteln eine größere Summe zur Verfügung, und R. selbst opferte dazu einen Theil seines Vermögens. A. v. Humboldt gab ihm einen glänzenden offenen Empfehlungsbrief, in dem unter anderem geschrieben stand, daß der Empfohlene wie ein Buch sei, daß man nur aufzuschlagen brauchte, um auf alle Fragen eine gute Antwort zu erhalten.

Im April 1845 in New-York angelangt, hielt R. sich zunächst dort und in den angrenzenden Staaten einige Monate auf, drang dann weiter ins Innere nach St. Louis vor, durchsuchte das Kohlenkalkbecken des Mississippigebietes und wandte sich gegen Ende des Jahres nach New-Orleans, um von da nach Texas hinüberzufahren, dessen noch fast ganz unbekannte geologische Verhältnisse zu erforschen ganz besonders in seinem Plane lag. Keineswegs gefahrlos war es, das Innere des noch nahezu unwegsamen, von wilden Indianerstämmen bewohnten Landes zu bereisen. Ueber 15 Monate, bis in das Jahr 1847 hinein, blieb R. in Texas und legte durch seine Beobachtungen den Grund zur Erforschung des Landes. Diese Thätigkeit als wissenschaftlicher Pionier im fernen Westen ist ihm auch in Amerika unvergessen geblieben; inzwischen ist in Texas eine ebenso regelrechte geologische Landesuntersuchung angebahnt, wie in den europäischen Ländern; doch noch in der Gegenwart wird dort R. als „der Vater der Geologie von Texas“ gerühmt. Schon kurz nach seiner Rückkehr nach Europa erschien 1849 sein Reisebericht: „Texas, mit besonderer Rücksicht auf deutsche Auswanderung und die physikalischen Verhältnisse des Landes, nach eigener Beobachtung geschildert“ (mit einer topographisch-geognostischen Karte von Texas); noch heute als ein Muster derartiger Werke anzusehen. Eine Monographie der texanischen Kreidefauna erschien 1852 mit 11 Tafeln Abbildungen, ein weiterer Beitrag dazu noch 1889. Wenn schon bei der texanischen Kreide anhangsweise die dort gesammelten Silur-Versteinerungen beschrieben wurden, so folgte später (1860) die Monographie der Silurischen Fauna des westlichen Tennessee. Allen diesen Abhandlungen, abgesehen von der Beschreibung neuer Formen, verleiht einen besonders hohen Werth der durch die Bekanntschaft mit den gleichaltrigen Faunen Europas veranlaßte Vergleich zwischen beiden, wie er zu damaliger Zeit fast noch einzig dasteht.

Seine Rückreise aus Texas nahm R. wieder über New-Orleans, um sich von hier aus nördlich zu wenden. Doch erkrankte er in dem ungesunden Küstengebiet heftig am Fieber, sodaß lange Zeit sein Leben in höchster Gefahr schwebte. Seinen Angehörigen in Europa galt er Monate lang als todt. Seine Jugendkraft aber siegte, und Ende Juni 1847 konnte er seine Reise fortsetzen. Nach einem Aufenthalt im Staate Kentucky ging er über die Alleghanies nach Baltimore und dann nach New-York zurück. Im November langte er wohlbehalten wieder in Deutschland an.

Seinen Wohnsitz nahm R. jetzt in Bonn, wo er sich im Sommer 1848 als Privatdocent für die mineralogischen Wissenschaften, inbesondere für Petrefactenkunde habilitirte, mit einem Probevortrag vor der Facultät „Eine übersichtliche Darstellung der geognostischen Verhältnisse von Texas“, und einer am 15. Juli gehaltenen öffentlichen Vorlesung „Ueber die Bedeutung der Petrefactenkunde in zoologischer und geologischer Hinsicht“. Während seiner sieben Privatdocentenjahre in Bonn beschäftigte ihn neben der Verarbeitung der reichen Ausbeute seiner amerikanischen Reise hauptsächlich wieder das Studium der rheinisch-westfälischen Sedimentformationen, besonders der Kreidebildungen. Unter den zahlreichen Untersuchungen über paläozoische Fossilien treten die über Krinoiden an Zahl und Bedeutung hervor; eine Monographie über die Blastoideen (1852) gab die Grundlage für die Kenntniß dieser Krinoidenunterordnung. Als ausgezeichneter Kenner speciell des Paläozoicums war R. auch der gegebene Mitarbeiter, als sein früherer Heidelberger Lehrer Bronn eine Neubearbeitung der Lethaea geognostica unternahm. R. schrieb davon (1852–54) den Band „Erste Periode, Kohlengebirge“, thatsächlich sein Hauptwerk, dessen Bedeutung darin liegt, daß zwischen der letzten, von Bronn verfaßten Auflage und der Roemer’schen Bearbeitung Murchison’s großes Werk über das Silurische System erschienen war und R. die Murchison’schen Anschauungen auf unsere deutschen Ablagerungen ausdehnte und eine für die damalige Zeit, wenigstens soweit es die Gattungen betrifft, nahezu vollständige Uebersicht der Faunen und Floren gab.

Bezeichnend für den damaligen Aufschwung und die entsprechende Schätzung der Geognosie und Paläontologie war es, daß, als der Vertreter der mineralogischen Wissenschaften an der Universität Breslau, Ernst Friedrich Glocker, dessen Specialgebiet die eigentliche Mineralogie war (damals üblich als Oryktognosie bezeichnet), von seinem Lehrstuhl zurücktrat, der Vorschlag der Breslauer Facultät die Namen der Paläontologen Beyrich, Ewald, Roemer nannte. Letzteren traf die Wahl des Ministeriums vor seinen früheren beiden Opponenten. Zu Ostern 1855 leistete R. dem ehrenvollen Rufe Folge. Ausdrücklich soll hervorgehoben werden, R. war ein solcher Meister der Didaktik, daß ein ungewöhnlich klarer anregender Vortrag auch seine Vorlesungen über die seinem eigenen Arbeitsgebiet ferner liegenden Disciplinen der Mineralogie und Krystallographie beseelte, derart, daß er auch in diesen als einer der besten Lehrer gelten muß, die je auf einer deutschen Hochschule gewirkt haben. Wenn R. durch seine unübertreffliche Lehrweise eine größere Anzahl von Schülern dauernd für die mineralogisch-geologischen Wissenschaften als Lebensberuf gewonnen hat, so sind auch specielle Mineralogen darunter.

In Breslau sollte R. aber Gelegenheit finden, neben seiner Thätigkeit als Lehrer und Forscher auch noch sein hervorragendes organisatorisches Talent zur Geltung zu bringen. Waren zu damaliger Zeit zwar die äußeren Verhältnisse aller naturwissenschaftlichen Disciplinen an allen Universitäten im Vergleich zu heute noch sehr unvollkommen, so müssen doch Räume und Lehrmittel des damaligen „mineralogischen Cabinets“ in Breslau ganz besonders bescheiden gewesen sein. Nach Roemer’s Bericht enthielt dieses Cabinet nur einige wenige Mineralien, wie sie heute nicht einmal zum Unterricht auf einem Gymnasium als genügend würden erachtet werden. Roemer’s Amtsvorgänger Glocker hatte zu seinen Vorlesungen eine größere eigene Sammlung benutzt, die er bei seinem Abgange mitnahm. Bei Roemer’s Tode aber besaß Breslau eine der reichsten und bestgeordneten Sammlungen unter allen deutschen Universitäten. Bis zum Jahre 1866 standen nur durchaus unzureichende und unzweckmäßige Räume zur Verfügung, im zweiten Stockwerk des sogenannten Convictgebäudes auf der Schmiedebrücke, die später dem Botaniker Ferd. Cohn für sein „Pflanzenphysiologisches Institut“ überwiesen wurden, bis auch er endlich 1887 in einen Neubau übersiedeln durfte. Hier Wandel zu schaffen, sah R. als seine ganz besondere Aufgabe an, die er glänzend löste. Im Sommer 1860 erhielt R. einen Ruf an seine heimathliche Universität Göttingen; dessen Ablehnung verlieh offenbar seinem Wunsche nach einer Verbesserung seiner bisherigen Wirkungsstätte erheblichen Nachdruck. Bei Gelegenheit des Breslauer Universitätsjubiläums im August 1861 erfolgte von Seiten des Ministeriums die Zusage zu einem Neubau, der außer dem pharmaceutischen und dem physikalischen Institut, den bisherigen Leidensgenossen im alten Gebäude, ein „Mineralogisches Museum“ mit den erforderlichen Nebenräumen enthalten sollte. Dieses neue „Institutengebäude“ wurde im Frühjahr 1866 seiner Bestimmung übergeben. In der hier von R. für die von ihm vertretenen Wissenschaften geschaffenen Heimstätte hat er nun noch volle 25 Jahre segensreich gewirkt.

Als Forscher hat R. in seiner Breslauer Zeit zunächst noch manche auf seine früheren Untersuchungsgebiete bezügliche Arbeiten abgeschlossen und veröffentlicht, z. B. die über die jurassische Weserkette, bald aber seine wissenschaftliche Thätigkeit vornehmlich in den Dienst der geologischen Untersuchung Schlesiens gestellt. Wenn ihn hier wieder besonders die älteren Schichten anzogen, das Rotliegende und dann das Carbon, so weiter auch das Studium der erratischen Blöcke und Geschiebe. R. erkannte, daß die Hauptaufgabe bei der Erforschung dieser Geschiebe in der Bestimmung ihrer Heimath und ihres Transportweges zu suchen sei. Deshalb hatte ihn besonders eine reiche Sammlung von Geschieben aus der Gegend von Sadewitz bei Oels wegen ihrer offenbaren Identität mit gewissen Ablagerungen nahe der Westküste Esthlands interessirt; deren Beschreibung ist in der Festschrift der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur zum Jubiläum der Breslauer Universität niedergelegt. Dieses Gebiet bearbeitete R. auch weiterhin in zahlreichen Mittheilungen, die er später (1885) in der „Lethaea erratica“ zusammenfaßte. Ein neues Arbeitsfeld aber eröffnete sich für ihn, als 1862 vom preußischen Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten die Herstellung einer geognostischen Karte von Oberschlesien angeordnet und ihm die Leitung dieses Unternehmens übertragen wurde. Acht Jahre nahm die Herstellung dieser Karte im Maaßstabe von 1:100000 in Anspruch. In seinem 1870 erschienenen großen Werke „Geologie von Oberschlesien" faßte R. die Ergebnisse seiner eigenen und seiner Mitarbeiter Untersuchungen zu einem abgerundeten Ganzen zusammen. Als Anerkennung für diese Leistung durfte er die Verleihung des Charakters als Geheimer Bergrath ansehen. In den folgenden Jahren veröffentlichte R. wieder zahlreiche kleinere Mittheilungen, z. B. die ersten Bemerkungen über Funde diluvialer Säugethiere in der norddeutschen Tiefebene, speciell in Schlesien und Polen, welche ihn so interessirten, daß er selbst später polnische Knochenhöhlen untersuchte, besonders die von Ojcow. Ein Zeichen seiner unermüdlichen Arbeitskraft war es, daß als eine neue Ausgabe von Bronn’s Lethaea geognostica in bedeutend erweitertem Umfange in Aussicht genommen wurde, R. wieder die Bearbeitung der paläozoischen Formationen übernahm. Einem 1876 erschienenen Atlas von 62 Tafeln folgte 1880 die erste Lieferung des Textbandes, welche als Einleitung besonders werthvolle Uebersichten über Eintheilung und Parallelisirung der Schichtengruppen aller Länder und Erdtheile bringt, im „besonderen Theil“ aber die systematische Aufzählung und Beschreibung der bezeichnenden paläozoischen Fossilien beginnt, zunächst die der Pflanzen, Protozoen und Spongien, während eine zweite Lieferung (1883) von den Coelenteraten die Korallen zum Abschluß brachte. Leider aber wurde Roemer’s Absicht, wo möglich alles selbst nachzuuntersuchen, statt nur eine Compilation der Litteratur zu geben, wohl die Veranlassung, daß die Lethaea paläozoica als einziges, von ihm nicht vollendetes Werk zurückgelassen wurde. Wenn Roemer’s eigene Forschungen sich wesentlich auf Paläontologie und Geognosie erstreckten, so hat er seine Amtspflichten als „Professor der Mineralogie“ nicht auf die seinen Vorlesungen über Mineralogie in gleichem Maaße, wie schon oben erwähnt, gewidmete Hingabe beschränkt, sondern auch verschiedene mineralogische Beobachtungen veröffentlicht, von denen nur an den „Alaunstein“ (Löwigit) von Zabrze, an das Apatitvorkommen von Kragerö, an den schönen Scheelit aus dem Riesengrund, die großen Chabasite von Dembio bei Oppeln, die Erze der Grube Gonderbach bei Laasphe, die Blitzröhren von Starczynow und den Granatenfund auf der Breslauer Dominsel erinnert sei.

Will man aber die wissenschaftliche Bedeutung der Wirksamkeit Roemer’s in ihrem vollen Umfange würdigen, so muß man zu allem Erwähnten seine zahlreichen Reisen hinzunehmen. Von seiner großen amerikanischen Reise ist schon oben die Rede gewesen. In Europa hat er wohl kein Land unbesucht gelassen. Häufig war er in England, in der Schweiz und Italien, wiederholt in Spanien, auch in Frankreich, Irland, Norwegen. Schweden, Rußland und in der Türkei bis Constantinopel. Nicht nur seine epochemachende amerikanische Reise, sondern auch manche seiner späteren Reisen haben zu wichtigen Beobachtungen und Entdeckungen geführt. Erwähnt sei nur der Nachweis der devonischen Formation bei Constantinopel, die Beobachtung der Culmschichten und die Untersuchung von Eisenerzlagerstätten in Spanien. Seine Liebenswürdigkeit und seine lebendige Unterhaltungsgabe gewannen ihm die Zuneigung aller Fachgenossen, welche er besuchte; sie blieben stets in dauernder Beziehung mit ihm, erholten sich Rath von ihm über geologische Verhältnisse Deutschlands und erwiederten seine Besuche. So ist es erklärlich, daß Ferdinand R. jahrzehntelang der im Auslande bekannteste und gefeiertste deutsche Geologe war. Für seine Reisen kam ihm vortrefflich seine beneidenswerthe Fertigkeit in fremden Sprachen zu statten. Unbekannt war ihm keine der europäischen Cultursprachen, beinahe alle konnte er lesen und im Hören verstehen, in den meisten auch in voller Geläufigkeit und tadelloser Aussprache sich unterhalten.

Ueberhaupt war die Vielseitigkeit seiner Bildung erstaunlich. Kaum irgend ein Gebiet des menschlichen Wissens war ihm ganz fremd. Daß er die Nachbargebiete seiner Fachwissenschaft, besonders Zoologie und Botanik vollkommen beherrschte, war für ihn selbstverständlich, auch war er stets eifrig bemüht, mit deren Fortschritten vertraut zu bleiben. Lebhaft waren bei ihm Interesse und Freude an der schönen Litteratur, der älteren wie der modernen. Seiner Verehrung des classischen Alterthums wurde schon oben gedacht. In seinem Wesen besaß er etwas von olympischer Heiterkeit, das bis in seine letzten Lebenstage in Stunden frohen Zusammenseins mit gleichgestimmten Freunden zum Ausdruck kam. Der Grundzug seines Wesens waren aber ruhige Würde und gehaltene Freundlichkeit, wie sie nur einer durch und durch vornehmen Natur zu eigen sind. Ungemein charakteristisch war die Gewähltheit seiner Sprache, in welcher sich sein feines ästhetisches Gefühl ausprägte. Er hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen alles Unschöne. Schon Worte, wie thöricht oder häßlich gebrauchte er kaum; er zog es vor, etwas als unzweckmäßig oder als dem Auge nicht wohlgefällig zu bezeichnen. Doch darf man nicht etwa meinen, daß die Gewähltheit der Form die Bestimmtheit des Ausdrucks oder gar seines Urtheils beeinträchtigt hätte. Einen Menschen, dem er einmal die Thür weisen wollte, entließ er mit den Worten: „Ich werde mich freuen, Sie nicht mehr wieder zu sehen!“ Halbheit und Unklarheit war ihm zuwider. War er auch gegen Fremde stets höflich, zuvorkommend und von seiner Liebenswürdigkeit, so lag ein schnelles Anschließen nicht in seinem Wesen; die Vortrefflichkeit seiner Charaktereigenschaften und seine wahre Herzensgüte konnte nur der ganz empfinden, der das Glück hatte, ihm näher treten zu dürfen. Doch war seine Güte stets mit Weisheit gepaart; seine dauernde Zuneigung vermochte nur der zu gewinnen, welchen er für tüchtig hielt. Nichts hätte ihn vermocht, für einen nach seiner Ueberzeugung Untüchtigen empfehlend einzutreten, und wenn es der Bruder seines liebsten Freundes gewesen wäre. Allen, die mit ihm in Berührung kamen, wird sein feiner Humor und treffender Witz von dauerndem Eindruck seiner Persönlichkeit geblieben sein. Seine Schlagfertigkeit war beneidenswerth; sein Witz konnte auch sarkastisch werden, wenn des geistreichen und scharf beobachtenden Mannes seine Empfänglichkeit für das geistig und körperlich Schöne sich gereizt fühlte; aber die fein gewählte Form hielt stets alles Verletzende fern. In seltener Vereinigung waren eben die Sicherheit eines vornehmen Geistes und der heitere Humor abgeklärter Weisheit mit wahrer Herzensgüte in seinem Wesen harmonisch verbunden.

Bis ins Lebensalter von 51 Jahren blieb R. unverheirathet. „Die Roemer heirathen nicht“, pflegte er zu scherzen. Doch im Frühjahr 1869 führte er Katharina Schäfer heim, eine jüngere Schwester der Gattin seines Freundes und Amtsgenossen, des Zoologen Grube (Vater des Schauspielers Max Grube). Waren ihm auch dann in seiner, beinahe noch dreiundzwanzigjährigen, überaus glücklichen Ehe keine eigenen Kinder beschieden, so entbehrte er keineswegs ihm entgegengebrachter kindlicher Liebe und Dankbarkeit, die ihm von den in seinem Hause als Pflegetöchter erzogenen Nichten seiner Frau zu Theil wurde. Da Roemer’s Brüder unverheirathet blieben, ist diese hervorragende Familie ausgestorben.

Sein Wunsch, nicht hinsiechend den Beschwerden des Alters zu erliegen, sondern lieber im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte durch einen raschen Tod abberufen zu werden, ist ihm in Erfüllung gegangen. „Wen die Götter lieben, den nehmen sie mit dem Blitze zu sich,“ pflegte er zu sagen. Plötzlich und unerwartet ist Ferdinand Roemer in früher Morgenstunde am 14. December 1891 durch einen Herzschlag aus dem Leben geschieden; ein geistvoller, guter und glücklicher Mann.

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