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Georg Justin Carl Urban Schlönbach (*10.3.1841; †13.8.1870)

tags: schlönbach, nekrolog, historie, tietze
Urban Schlönbach, geboren 1841 in Liebenhall bei Salzgitter bearbeitete unter anderem die Brachiopoden der (nord-)deutschen und böhmischen Kreide. Anton Fritsch beendete die gemeinsame Publikation über die Cephalopoden der böhmischen Kreide nachdem U. Schlönbach 1870 unerwartet bei Kartierungsarbeiten in der Region Banat (Rumänien) starb.

Zur Erinnerung an Urban Schloenbach.

Von Dr. Emil Tietze.

Als im Spätherbste vorigen Jahres die Mitglieder der geologischen Reichsanstalt von ihren Reisen zurückgekehrt, sich wieder in Wien einfanden, da wurde allgemein die Lücke aufs neue empfunden, welche der am 13. August 1870 plötzlich erfolgte Tod Urban Schloenbach's im Kreise seiner Freunde und Arbeitsgenossen verursacht hatte. Es machte sich das Bedlirfniss geltend, ein in kurzen Zügen geschriebenes Bild des Verstorbenen und seiner so vorzeitig beendeten Thätigkeit zu besitzen, und man war der Meinung, es dürfte ein derartiger Versuch auch den ändern zahlreichen Freunden dieses in der Blüthe seiner Jahre dahingerafften Forschers nicht unwillkommen sein.

Obschon nur kurze Zeit mit dem Verstorbenen bekannt, glaube ich demselben dennoch zum wenigsten, was den Grad der meinerseitigen Schätzung Urban Schloenbach's betrifft, nahe genug gestanden zu sein um es zu rechtfertigen, wenn ich dem oben berührten Wunsche entgegenkomme. War mir doch auch die schmerzliche Befriedigung vergönnt, dem Dahingeschiedenen in seinen letzten Lebenstagen, in seiner Todesstunde zur Seite zu sein.

Wenn ich es nun unternehme einen kurzen Abriss von dem Leben und insbesondere von den wissenschaftlichen Bestrebungen Schloenbach's zu geben, so muss ich übrigens gleich hier vorausschicken, dass die ausführlichen biographischen Notizen, welche der Vater des Verstorbenen, Herr Ober-Salineninspector A. Schloenbach zu Salzgitter in Hannover auf Ansuchen uns mitzutheilen die Freundlichkeit hatte, den Verfasser dieser Zeilen, deren wesentlichste Unterlage eben diese Notizen bilden, zum grössten Danke verpflichten.

Georg Justin Carl Urban Schloenbach wurde am 10. März 1841 auf der altfürstlich braunschweig'schen Allodialsaline Liebenhall bei Salzgitter in Hannover geboren, als Sohn des soeben erwähnten dortigen Ober-Salinenhispectors Herrn Albert Schloenbach. Urban genoss bis zum 11. Jahre den Unterricht einer Privatschule zu Salzgitter, kam dann Ostern 1852 zu seinen Grosseltern nach Goslar, um das dortige Gymnasium besuchen zu können; Ostern 1855 nach Hildesheim zum Besuch des dortigen Gymnasiums „Andreanum" übergesiedelt, machte er daselbst nach zurückgelegtem 18. Lebensjahre sein Examen der Reife für die Universität.

Mit einem vorzüglichen Zeugniss versehen, bezog Urban nun die Göttinger Hochschule. In der Familie Schloenbach's hatte sich ein gewisser Hang zu naturwissenschaftlichen Studien schon seit Geschlechtern so zu sagen fortgeerbt, und unter den Verwandten mütterlicherseits war es vorzugsweise der Oberforstmeister v. Unger, dessen Einfluss auf die Vorliebe des jungen Urban für Naturkunde Geltung erlangte. War es urprünglich die Botanik, für welche der jüngere Schloenbach sich erwärmte, so bestimmten ihn doch verschiedene Gründe, und besonders auch das freundliche Entgegenkommen des Professors Bödecker, sich in Göttingen für das Studium der Chemie als Hauptfach zu entscheiden. Daneben musste aber auch den Eigentümlichkeiten der deutschen Universitätssitten der Tribut gezollt werden, den die academische Jugend in Deutschland dem Reize und der Poesie des Burschenlebens so gern darzubringen pflegt. Auch unser Freund folgte dem Zuge studentischer Geselligkeit und wurde Mitglied eines Corps. Wenn auch für den wissenschaftlichen Eifer, soweit er sich auf stetige Aneignung positiver Kenntnisse bezieht, das Treiben solcher Verbindungen nicht eben sehr förderlich zu sein pflegt, so wirkt doch der kameradschaftliche Verkehr mit so vielen jugendlich frischen Genossen, denen man sich mit einer Offenheit und Ehrlichkeit zu vertrauen pflegt, wie sie in andern Verhältnissen und in andern Kreisen kaum bekannt ist, fast immer günstig anregend und kräftigend auf Geist und Gemüth des Studirenden. Ein berechtigter Grad von Selbstbewusstsein erwacht, und wenn irgend etwas geeignet ist, denjenigen Grad von Pedanterie fernzuhalten, den die ausschliessliche Beschäftigung mit den Wissenschaften nur zu häufig erzeugt, und wenn irgend etwas während der academischen Lehrzeit dazu angethan ist, den Sinn für selbständige Frische offen zu halten und vor jeuer Pergamentwerdung des Gemüthes nicht allein, sondern auch vor jener gesellschaftlichen Unzulänglichkeit zu bewahren, welcher Gelehrte nicht selten verfallen, dann ist es in vielen Fällen die heitere Lust des Burschenthums, der jugendliche Frohsinn des academischen Lebens. Wir haben wohl ebensowenig Grund unserem Freunde die beiden Semester, die er in Göttingen zubrachte, zu verargen, so wenig er selbst diese Zeit bereut hat.

Von Göttingen siedelte Schloenbach dann Ostern 1860 nach Tübingen über, und hier bekam derselbe zuerst Geschmack am geologischen und paläontologischen Studium sowohl durch die lebendigen und geistreichen Vorträge F. A. v. Quenstedt's als durch zahlreiche Excursionen, die er unter der Leitung jenes bewährten Meisters mitmachte, in einem Gebiet, wie es paläontologisch ergiebiger und zugleich in stratigraphischer Hinsicht für Anfänger lehrreicher in den Umgebungen deutscher Hochschulen nicht wohl gedacht werden kann. Ostern 1831 wechselte unser Freund dann abermals seinen Aufenthalt und ging nach München. Der Aufenthalt in München wurde entscheidend für die wissenschaftliche Richtung, die Schloenbach von da ab verfolgte, nicht allein insofern er seit jener Zeit ausgesprochenermassen sich der Geologie und Paläontologie widmete, sondern auch in Betracht seiner wissenschaftlichen Auffassung und der Grundsätze, besonders bei paläontologischen Untersuchungen. Schloenbach hatte in Tübingen einen jüngeren Bruder des damals noch lebenden, bekannten Münchner Paläontologen Oppel kennen gelernt. Durch diesen seinen Freund wurde er bald im Hause des Prof. Oppel näher bekannt und in den Zirkel junger Männer eingeführt, die sich damals um Oppel abendlich zu versammeln pflegten. In diesem Kreise bildeten Gegenstände von wissenschaftlichem oder ästhetischem Interesse den Mittelpnnkt der Unterhaltung. Die Mittheilungen des älteren Oppel über paläontologische Dinge und die Besprechung neuer literarischer Erscheinungen aus diesem Gebiet erweckten in unserem Freunde eine immer lebhaftere Neigung flir dieses Fach, und im Hinblick auf die Aufmunterungen Oppel's bat er seinen Vater, sich gänzlich derartigen Studien widmen zu dürfen. Gern wurde diese Bitte gewährt.

Dem Einfluss Oppel's war es zuzuschreiben, wenn Schloenbach zunächst den jurassischen Bildungen seine Aufmerksamkeit zuwendete, einige Studienreisen im Bereiche des norddeutschen Jura antrat, die später noch öfter wiederholt wurden, und dass er im Sommer 1862 in Gemeinschaft mit dem gegenwärtigen ostindischen Staatsgeologen Waagen nach der Schweiz reiste, wo er unter andern das Glück hatte, unter der Führung der bekannten Schweizer Geologen Mosch und Gressly den Jura in den Cantonen Aargau und Solothurn kennen zu lernen.

Im November 1862 vertauschte unser Freund seinen Aufenthalt in München mit dem in Berlin, wo er seine Studien unter der Leitung der Professoren Beyrich und Gustav Rose und im Umgange mit jüngeren Fachgcnossen wie C. v. Seebach, Eck, Kunth und Anderen fortsetzte. Im Frühjahr 1863 beschloss er dann, sich den Doctorgrad zu erwerben, gestützt auf eine Abhandlung „über den Eisenstein des mittleren Lias im nordwestlichen Deutschland mit Berücksichtigung der älteren und jüngeren Liasschichten". (Inauguraldissertation, später im 3. Heft des 15. Band der Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft abgedruckt.) Am 25. Juni 1863 fand die feierliche Promotion Schloenbach's zum Doctor der Philosophie in Halle statt, wohin sich der angehende Gelehrte inzwischen begeben hatte. In der bezeichneten Abhandlung wurden diese Eisensteine der Zone des Amnonites Jamesoni zugewiesen und die recht zahlreiche, von ihnen eingeschlossene Fauna mit mehreren neuen Arten bekannt gegeben. Auch das über die Gliederung der liassischen Bildungen Norddeutschlands dabei Gesagte verdient hervorgehoben zu werden. Einige Beobachtungen in letzterer Hinsicht hatte Schloenbach schon früher („die Schichtenfolge des untern und mittlern Lias in Norddeutschland. Neues Jahrb. von Leonh. u. Gein. 1863 pag. 162 — 168) vorausgeschickt. Auf denselben Gegenstand bezog sich auch ein im neuen Jahrbuch 1864, 2. Heft abgedrucktes Schreiben an Professor Geinitz in Dresden. Ebenso wurde eine Monographie der ausseralpinen Liasbrachiopoden vorbereitet, es kam aber dieselbe nicht zur Ausführung.

Nach mehreren Reisen in verschiedenen Theilen Deutschlands besuchte Schloenbach im Semptember 1864 die in Giessen tagende Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte und trat von dort aus eine Reise nach Frankreich an, das er an verschiedenen geologisch ausgezeichneten Punkten kennen lernte. Ueher die Resultate dieses Ausflugs berichtete er dann eingebend in der Zeitschr. d. deutsch. geol. Ges. 1865 in einem Schreiben an Professor Beyrich. Als eine weitere Fracht des Aufenthaltes in Frankreich muss der Vortrag bezeichnet werden, den Schloenbach vor der im Herbst 1865 in Hannover tagenden Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte „über die Parallelen zwischen dem obern Pläner Norddeutschlands und den gleichaltrigen Bildungen im Seinebecken" (abgedruckt im amtlichen Bericht dieser Verh. und im neuen Jahrb. von L. und G. 1866) hielt. Ueber einen spätem Besuch in Frankreich zur Zeit der Pariser Weltausstellung hat Schloenbach in unsern Verhandlungen (1867 p. 278) berichtet. Inzwischen war auch wieder eine grössere paläontologische Arbeit von unserem Freunde erschienen unter dem Titel „Ueber einige neue und weniger bekannte jurassische Ammoniten" (Cassel 1865, Paläontograph. 13. Bd. 1. Heft), in welcher Arbeit das kritische Talent und der Formensinn des jungen Autors sich zu zeigen aufs neue die Gelegenheit fanden. Den Anschauungen der Oppel'schen Schule folgend schien es ihm, wie er bei einer andern Gelegenheit (Jahrb. Reichsanst. 1867, p. 591) sich ausdruckte, bei paläontologischen Begrenzungen wünschenswerther getrennt zu halten, was sich trennen lässt, als zu vereinigen, was man unterscheiden kann.

Seit jener ersten französischen Reise hatte Schloenbach eine besondere Vorliebe für das Studium der Kreideformation gewonnen, während ihn unter den für die paläontologische Geologie wichtigen Thierklassen die Brachiopoden vornehmlich fesselten. Aus dieser combinirten Neigung gingen bald einige mehr oder minder wichtige Arbeiten hervor. Zunächst erschien ein Aufsatz „über die Brachiopoden aus dem untern Gault (Aptien) von Ahaus in Westphalen (Zeitschr. deutsch geol. Ges. 1S66, p. 364—376). In den „kritischen Studien über Kreidebrachiopoden" (Cassel 1866, Paläontograph. 13. Bd., 6(3 Seiten mit 3 Taf.), die mit einem grossen Aufwand von litterarischen Hilfsmitteln durchgeführt wurden, erwarb sich der Verfasser sodann noch mehr als in seinen früheren Publicationen den Dank und die Anerkennung der Fachgenossen. Als eine Fortsetzung dieser Arbeit ist dann die Abhandlung zu betrachten, welche unter dem Titel „über die Brachiopoden der norddeutschen Cenomanbildungen" in der damals neu gegründeten Beneke'schen Zeitschrift: Geognostisch-paläontologische Beiträge (1. Bd., p. 399—506 mit. 3 Tafeln, München 1867) erschien. In jener Zeit wurde auch schon die Untersuchung vorbereitet, deren Ergebniss später als „Beitrag zur Altersbestimmung des Grünsandes von Rothenfelde unweit Osnabrück" im neuen Jahrb. von Leonh. u. Gein. 1869 (p. 808—841 mit 2 Taf.) zum Abdruck gelangte, wobei dieser Grünsand, den man bis dahin als zur Quadratenkreide gehörig anzusehen geneigt war, als der Zone des Scaphites Geinitzi entsprechend charakterisirt wurde. Gleich hier mag auch der kritischen Abhandlung „über die norddeutschen Galeritenschichten und ihre Brachiopodenfauna" gedacht werden (Sitzungsber. der k. k. Akademie d. Wissenschaften Wien 1868, 1. Abth. mit 3 Taf.) in welcher die betreffenden Schichten als zu einer einzigen Zone gehörig dargestellt wurden.

Im Frühjahr 1867 kam Schloenbach zum erstenmal nach Wien. Er hatte mit einigen Freunden eine Reise nach Südtirol verabredet und wünschte sich deshalb in den Sammlungen unserer Anstalt über die dort vorkommenden Formationen zu orientiren. Seine Wissenschaftlichkeit, mit dem liebenswürdigsten Auftreten verbunden, erwarben ihm schnell die Zuneigung der damals anwesenden Mitglieder unseres Instituts und bald gewann die Aussicht einer Anstellung Schloenbach's an der geologischen Reichsanstalt eine sichere Gestalt. Diese Anstellung erfolgte denn auch im Spätsommer desselben Jahres, nachdem unser Freund die Berufung für die Stellung des Directors einer in Peru zu bildenden Bergakademie aus mancherlei Gründen abgelehnt hatte. Seine Theilnahme an den Arbeiten unserer Anstalt und sein Interesse an den Druckschriften derselben hat Schloenbach von jenem Zeitpunkte an in zahlreichen Publikationen bethätigt, sowohl in selbständigen Mittheilungen und Aufsätzen als in zahlreichen Referaten über neuere Erscheinungen der Fachliteratur.

Von den selbständigen Publikationen unseres Freundes in unsern Druckschriften heben wir zunächst eine Reihe kleinerer Aufsätze hervor, welche unter dem allgemeinen Titel „Kleine paläontologische Mittheilungen" in den Jahrgängen 1867, 1868 und 1SG9 unseres Jahrbuchs erschienen sind. Es sind die folgenden:

I. Ueber einen Belemniten aus der alpinen Kreide von Grünbach bei Wiener Neustadt. Mit Abbild. 17 Bd., 4. Heft

II. Aspidocaris liasica, eine neue Crusaceenform aus dem mittlern Lias. Mit Abbild. 17 Bd., 4. Heft.I

II. Die Brachiopoden der böhmischen Kreide. Mit l Taf. 18 Bd., 1. Heft.I

V. Ueber Belemnites rugifer nov. sp. aus dem eocänen Tuff von Ronca. Mit Abbild. 18 Bd., 3. Heft.

V. Bemerkungen über Sharpe's und Sowerby's Belemnites lanceolatus und über Sowerby's Belemnites granulntus. 18 Bd., 3. Heft.

VI. Polyplychodon Owen vom Dniesterufer bei Onuth in der Bukowina. Mit Abbild. 18 Bd., 3. Heft.

VII. Ammonites Austeni Sharpe von Farnica bei Unter-Kubin (Ungarn). Mit Abbild. 18 Bd., 3. Heft.

VIII. Ueber Sepia vindobonensis nov. sp. aus dem neogenen Tegel von Baden bei Wien. 19 Bd., 2. Heft.

IX. Bemerkungen über einige Cephalopoden der Gosaubildungen.19 Bd., 2. Heft.

Unter diesen Aufsätzen ist der über die Brachiopoden der böhmischen Kreide nicht nur deshalb hervorzuheben, weil er der oben näher dargelegten paläontologischen Lieblingsrichtung unseres Freundes sein Entstehen verdankt, sondern auch, weil er sich auf ein Land bezieht, filr dessen Gebirgsbildungen Schloenbach schon seit dem Sommer 1864 bei einer in Begleitung seines Oheims, des Oberforstmeisters v. Unger, nach Böhmen unternommenen Reise ein lebhaftes Interesse gewonnen hatte. Leider hat der jähe Tod den aufstrebenden Forscher verhindert, das sehr umfangreiche Material, welches derselbe für eine umfassende Bearbeitung der böhmischen Kreidefoimation, und zunächst für eine Monographie der böhmischen Kreidecephalopoden vorbereitet hatte, noch selbst nutzbar zu machen. Immerhin aber sind aus Schloenbach's Untersuchungen in Böhmen, wohin er im Sommer 1868 behufs einer Revision der geologischen Karte dieses Landes von der Reichsanstalt entsendet war, mehrere für die Gliederung der dortigen Kreidebildungen höchst wichtige Resultate hervorgegangen, über welche vorläufige Mittheilungen in dem Jahrgang 1868 unserer Verhandlungen (p. 250, 289, 294, 325, 350, 352, 356 und 404) gegeben worden sind. Wenn eine schärfere Auffassung in der Gliederung jener Schichten angebahnt wurde, so ist dies, abgesehen von einigen Aufstellungen Ferdinand v. Hochstetter's, wesentlich Schloenbach's Verdienst.

Vervollständigen wir nunmehr noch die Betrachtung von der Thätigkeit des Verstorbenen, indem wir noch einiger kleiner, in unsern Verhandlungen zerstreuten Aufsätze gedenken, die immerhin in manchen Punkten einige Aufmerksamkeit verdienen. Die Mittheilungen „Über die Gliederung der räthischen Schichten bei Kössen" (Verh. 1867 p. 211) und die „geologischen Untersuchungen in den Südtiroler und Venetianer Alpen" (Verh. 1867, p. 158) sind die Frucht jener oben schon erwähnten Reise nach Südtirol und den angrenzenden Gebieten. In Beziehung mit den auf dieser Reise gewonnenen Eindrücken stehen auch die „Bemerkungen über die tithonische Fauna in Spanien verglichen mit der Südtirols" (Verh. 1867 p. 254). Eine Auseinandersetzung über die Neocomschichten von St. Wolfgangi (Verh. 1867, p. 378) verdient insofern hervorgehoben zu werden als darin die Rossfelder Schichten zu Coquand's étage Barrémien gestellt wurden. Ein von Schloenbach im Verein mit Edmund v. Mojsisowicz unternommener Ausflug gab die Veranlassung zu einem kleinen, aber bedeutungsvollen, gemeinschaftlich publicirten Aufsatz über „das Verhalten der Flyschzone zum Nordrande der Kalkalpen bei Gmunden" (Verh. 1868, p. 212) in welchem unter andern von einer dort auftretenden Facies der obern Kreide berichtet wurde, deren Entwicklung als eine von den Gosaubildungen gänzlich verschiedene erscheint, und in welchem die gesammte Masse des sogenannten Wiener Sandsteins an dieser Stelle als dem Flysch der Schweizer Geologen entsprechend erklärt wurde. Einer anderen Mittheilung Schloenbachs über eine neue jurassische Fauna aus dem croatischen Karst zufolge (Verh. 1869, p. 68) existiren dort gewisse Schichten an der Grenze von Dogger und Lias, deren Analoga bisher nur aus den sette communi im Venetianischen bekannt waren. Schliesslich muss ich hierbei noch einer Folge von Reiseberichten gedenken (Verh. 1869, p. 212, 267, 269), in denen über einige Beobachtungen in der Banaler Militärgrenze berichtet wurde, wohin Schloenbach während des Sommers 1869 behufs geologischer Kartenaufnahmen von Seite der Reichsanstalt entsendet worden war. Auch ein im neuen Jahrbuch (1869 p. 729) abgedruckter Brief an Prof. Geinitz bezieht sich auf die Eindrücke jener Reise.

Eine Reihe anderer Arbeiten, die entweder geplant oder hereits vorbereitet waren, wurden, wie ich das oben schon bezüglich der böhmischen Kreidecephalopoden angedeutet hatte, durch das Ableben ihres Urhebers unvollendet gelassen. Ich erwähne nur die projectirte Beschreibung der Eocänbrachiopoden des Bakonyer Waldes (Verh. 1869, p. 37) und die kritische Darstellung der Muschelkalkbrachiopoden, mit welcher sich Schloenbach bereits angelegentlich befasste, wie sein Aufsatz „über den Brachialapparat von Terebralula vulgaris (Verhandl. 1869, pag. 164) beweist.

Es konnte nicht auffallen, dass einem Manne von der eben geschilderten wissenschaftlichen Rührigkeit und von der Bedeutung, die Schloenbach in den Kreisen seiner Fachgenossen weit über die Grenzen von Oesterreich und Deutschland hinaus zu geniessen anfing, das höchste Vertrauen seiner Vorgesetzten und der zuständigen Behörden entgegenkam und ein Ausdruck dieses Vertrauens war die auf Grund entsprechender Berichte erfolgte Berufung Schloenbachs an die Lehrkanzel für Mineralogie, Geologie und Paläontologie des deutschen Polytechnicums in Prag. Im Februar 1870 vom böhmischen Landesauschuss auf Vorschlag des Professorencollegiums jener Akademie zu besagter Stelle erwählt, erhielt er einige Zeit darauf die erforderliche allerhöchste Bestätigung dieser seiner Wahl. Wenn auch Schloenbach diesem Rufe, der ihm in so jungen Jahren die Möglichkeit materieller und wissenschaftlicher Selbstständigkeit verschaffte, dankbar Folge leistete, so trennte er sich doch ungern von unserem Kreise, und auf alle Fälle wollte er einige im Interesse der geologischen Reichsanstalt unternommene Arbeiten zum Abschluss bringen, vor dem definitiven Antritt seiner Stellung in Prag. Deshalb begab er sich Anfang August des verflossenen Jahres nach Bersaska in der serbisch-banater Militärgrenze, um von dort aus seine im Jahre 1869 etwas zeitig unterbrochenen geologischen Kartenarbeiten im Banat zu vervollständigen. Möglichst schnell wollte er sich dieser Aufgabe entledigen, damit er, wie ein Brief an seine Eltern besagt, Zeit gewinnen könnte, letztere im Herbst zu besuchen. Diese Hast verleitete unsern Freund zu einigen äusserst angestrengten Begehungen in jenem unwirthlichen, von Urwäldern bedeckten Gebirge. Obwohl Schloenbach schon manchesmal während seiner geologischen Excursionen ohne Nachtheil im Freien genächtigt hatte, zog er sich doch diesmal bei einer derartigen Gelegenheit einen heftigen Gelenkrheumatismus zu, der ihn zunächst an der Fortsetzung seiner Untersuchungen hinderte. Der Verfasser dieser Zeilen, der in jener Zeit mit der geologischen Aufnahme der Umgebungen des 2 Meilen von Bersaska entfernten Dorfes Swinitza beschäftigt war, traf unsern Freund, den er behufs der Verständigung Über einige gemeinschaftliche Ausflüge in Bersaska besuchte, bereits in einem Zustande an, der ihm das Gehen nahezu unmöglich machte. An die drohende Gefahr des Lebens aber dachte damals weder Schloenbach selbst, noch sonst jemand aus seiner Umgebung. Leider verschlimmerte sich der Zustand des Kranken rapid und nach scheinbar eingetretener Besserung endete ein Lungenödem nach kurzem aber schwerem Todeskampfe das Leben eines Jünglings, der der Stolz seiner Angehörigen, und das Wirken eines Mannes, der eine begründete Hoffnung der Wissenschaft gewesen, ein Leben übrigens, wie es reiner und ungetrübt glücklicher nicht gedacht werden kann. Gesund an Körper und Geist hat Schloenbach in Wort und That immer jenes Mass bewahrt, in welchem die Bürgschaft für Glück und Zufriedenheit gegeben ist. Liebenswürdig und zuvorkommend genoss er die Zuneigung aller derer, die mit ihm verkehrten, und schwerlich dürfte sich Jemand finden, der des Verstorbenen Feind gewesen wäre.

Somit schliessen wir den Rückblick auf Urban Schloenbach. Mögen diese Zeilen den Zeitgenossen einen Namen in lebendiger Erinnerung halten, der auch von den Forschern späterer wissenschaftlicher Arbeits-Epochen nicht vergessen werden wird, denn das bleibt ja der Lohn echt wissenschaftlichen Strebens, dass auch der kleinste wohl eingefügte Stein im Gebäude der Wissenschaft nicht bei Seite geworfen oder vernachlässigt werden darf. Das hier gegebene Bild der von dem Verstorbenen so schnell erreichten wissenschaftlichen Erfolge und der edlen Grundzllge seines Charakters soll auch den Fachgenossen einer späten Zeit noch Zeugniss geben, wie hoch der Verstorbene von dem Kreise seiner Arbeitsgenossen in Wien als Mann der Wissenschaft und als Freund geschätzt wurde.

weitere Literatur:

Gümbel, 1890. Schlönbach, Urban. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Bd. 31, Duncker & Humblot, Leipzig: 527-528.

V. Zur Erinnerung an Urban Schloenbach.

Von Dr. Emil Tietze.

Als im Spätherbste vorigen Jahres die Mitglieder der geologischen Reichsanstalt von ihren Reisen zurückgekehrt, sich wieder in Wien einfanden, da wurde allgemein die Lücke aufs neue empfunden, welche der am 13. August 1870 plötzlich erfolgte Tod Urhan Schloenbach s im Kreise seiner Freunde und Arbeitsgenossen verursacht hatte. Es machte sich das Bedlirfniss geltend, ein in kurzen Zügen geschriebenes Bild des Verstorbenen und seiner so vorzeitig beendeten Thätigkeit zu besitzen, und man war der Meinung, es dürfte ein derartiger Versuch auch den ändern zahlreichen Freunden dieses in der Blttthe seiner Jahre dahingerafften Forschers nicht unwillkommen sein.

Obschon nur kurze Zeit mit dem Verstorbenen bekannt, glaube ich demselben dennoch zum wenigsten, was den Grad der meinerseitigen Schätzung Urban Schloenbach's betrifft, nahe genug gestanden zu sein um es zu rechtfertigen, wenn ich dem oben berührten Wunsche entgegenkomme. War mir doch auch die schmerzliche Befriedigung vergönnt, dem Dahingeschiedenen in seinen letzten Lebenstagen, in seiner Todesstunde zur Seite zu sein.

Wenn jch es nun unternehme einen kurzen Abriss von dem Leben und insbesondere von den wissenschaftlichen Bestrebungen Schloenbach's zu geben, so muss ich übrigens gleich hier vorausschicken, dass die ausführlichen biographischen Notizen, welche der Vater des Verstorbenen, Herr Ober-Salineninspector A. Schloenbach zu Salzgitter in Hannover auf Ansuchen uns mitzutheilen die Freundlichkeit hatte, den Verfasser dieser Zeilen, deren wesentlichste Unterlage eben diese Notizen bilden, zum grössten Danke verpflichten.

Georg Justin Carl Urban Schloenbach wurde am 10. März 1841 auf der altfürstlich braunschweig'schen Allodialsaline Liebenhall bei Salzgitter in Hannover geboren, als Sohn des soeben erwähnten dortigen OberSalinenhispectors Herrn Albert Schloenbach. Urban genoss bis zum 11. Jahre den Unterricht einer Privatschule zu Salzgitter, kam dann Ostern 1852 zu seinen Grosseltern nach Goslar, um das dortige Gymnasium

Jahrbuch dir k. k. etologiicheo Heichiauitalt. 1871. 11. Band. t. Heft (Tielie.) g

besuchen zu könneu; Ostern 1855 nach Hildcsheim zum Besuch des dortigen Gymnasiums „Andreanum" Übergesiedelt, machte er daselbst nach zurückgelegtem 18. Lebensjahre sein Examen der Reife für die Universität.

Mit einem vorzüglichen Zeugniss verschen, bezog Urban nun die Göttinger Hochschule. In der Familie Schloenbach'« hatte sich ein gewisser Hang zu naturwissenschaftlichen Studien schon seit Geschlechtern so zu sagen fortgeerbt, und unter den Verwandten mütterlicherseits war es vorzugsweise der Oberforstmeister v. Unger, dessen Einfluss auf die Vorliebe des jungen Urban für Naturkunde Geltung erlangte. War es urprünglich die Botanik, für welche der jüngere Schloenbach sich erwärmte, so bestimmten ihn doch verschiedene Gründe, und besonders auch das freundliche Entgegenkommen des Professors Bödecker, sich in Göttingen für das Studium der Chemie als Hauptfach zu entscheiden. Daneben musste aber auch den Eigentümlichkeiten der deutschen Universitätssitten der Tribut gezollt werden, den die academische Jugend in Deutschland dem Reize und der Poesie des Burschenlebens so gern darzubringen pflegt. Auch unser Freund folgte dem Zuge studentischer Geselligkeit und wurde Mitglied eines Corps. Wenn auch für den wissenschaftlichen Eifer, soweit er sich auf stetige Aneignung positiver Kenntnisse bezieht, das Treiben solcher Verbindungen nicht eben sehr förderlich zu sein pflegt, so wirkt doch der kameradschaftliche Verkehr mit so vielen jugendlich frischen Genossen, denen man sich mit einer Offenheit und Ehrlichkeit zu vertrauen pflegt, wie sie in andern Verhältnissen und in andern Kreisen kaum bekannt ist, fast immer günstig anregend und kräftigend auf Geist und Gemüth des Studirenden. Eiu berechtigter Grad von Selbstbewusstsein erwacht, und wenn irgend etwas geeignet ist, denjenigen Grad von Pedanterie fernzuhalten, den die ausschliessliche Beschäftigung mit den Wissenschaften nur zu häufig erzeugt, und wenn irgend etwas während der academischen Lehrzeit dazu angethan ist, den Sinn für selbständige Frische offen zu halten und vor jeuer Pergamentwerdung des Gemüthes nicht allein, sondern auch vor jener gesellschaftlichen Unzulänglichkeit zu bewahren, welcher Gelehrte nicht selten verfallen, dann ist es in vielen Fällen die heitere Lust des Burschenthums, der jugendliche Frohsinn des academischen Lebens. Wir haben wohl ebensowenig Grund unserem Freunde die beiden Semester, die er in Göttingen zubrachte, zu verargen, so wenig er selbst diese Zeit bereut hat.

Von Göttingen siedelte Schloenbach dann Ostern 1860 nach Tübingen über, und hier bekam derselbe zuerst Geschmack am geologischen und paläontologischen Studium sowohl durch die lebendigen und geistreichen Vorträge F. A. v. Quenstedt's als durch zahlreiche Excursionen, die er unter der Leitung jenes bewährten Meisters mitmachte, in einem Gebiet, wie es paläontologisch ergiebiger und zugleich in stratigraphischer Hinsicht für Anfänger lehrreicher in den Umgebungen deutscher Hochschulen nicht wohl gedacht werden kann. Ostern 18(31 wechselte unser Freund dann abermals seinen Aufenthalt und ging nach München. Der Aufenthalt in München wurde entscheidend für die wissenschaftliche Richtung, die Schloenbach von da ab verfolgte, nicht allein insofern er seit jener Zeit ausgesprochenermassen sich der Geologie und Paläontologie widmete, sondern auch in Betracht seiner wissenschaftlichen Auffassung und der Grundsätze, besonders bei paläontologischen Untersuchungen. Schloenbach hatte in Tübingen einen jüngeren Bruder des damals noch lebenden, bekannten Münchner Paläontologen Oppel kennen gelernt. Durch diesen seinen Freund wurde er bald im Hause des Prof. Oppel näher bekannt und jn den Zirkel junger Männer eingeführt, die sich damals um Oppel abendlich zu versammeln pflegten. In diesem Kreise bildeten Gegenstände von wissenschaftlichem oder ästhetischem Interesse den Mittelpnnkt der Unterhaltung. Die Mittheilungen dos älteren Oppel über paläontologische Dinge und die Besprechung neuer literarischer Erscheinungen aus diesem Gebiet erweckten in unserem Freunde eine immer lebhaftere Neigung flir dieses Fach, und im Hinblick auf die Aufmunterungen Oppel's bat er seinen Vater, sich gänzlich derartigen Studien widmen zu dürfen. Gern wurde diese Bitte gewährt.

Dem Einfluss Oppel's war es zuzuschreiben, wenn Schloenbach zunächst den jurassischen Bildungen seine Aufmerksamkeit zuwendete, einige Studienreisen im Bereiche des norddeutschen Jura antrat, die später noch öfter wiederholt wurden, und dass er im Sommer 1862 in Gemeinschaft mit dem gegenwärtigen ostindischen Staatsgeologen Waagen nach der Schweiz reiste, wo er nnter ändern das Glück hatte, unter der Führung der bekannten Schweizer Geologen Mosch und Gressly den Jura in den Cantonen Aargau und Solothurn kennen zu lernen.

Im November 1862 vertauschte unser Freund seinen Aufenthalt in München mit dem in Berlin, wo er seine Studien unter der Leitung der Professoren Beyrich und Gustav Rose und im Umgange mit jüngeren Fachgcnossen wie C. v. Seebacb, Eck, Kunth und Anderen fortsetzte. Im Frühjahr 1H63 beschloss er dann, sich den Doctorgrad zu erwerben, gestützt auf eine Abhandlung „über den Eisenstein des mittleren Lias im nordwestlichen Deutschland mit Berücksichtigung der älteren und jüngeren Liasschichten". (Inauguraldissertation, später im 3. Heft des 15. Band der Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft abgedruckt.) Am 25. Juni 1863 fand die feierliche Promotion Schloenbach's zum Doctor der Philosophie in Halle statt, wohin sich der angehende Gelehrte inzwischen begeben hatte. In der bezeichneten Abhandlung wurden diese Eisensteine der Zone des Amnonites Jamesoni zugewiesen und die recht zahlreiche, von ihnen eingeschlossene Fauna mit mehreren neuen Arten bekannt gegeben. Auch das über die Gliederung der liassischen Bildungen Norddeutschlands dabei Gesagte verdient hervorgehoben zu werden. Einige Beobachtungen in letzterer Hinsicht hatte Schloenbach schon früher („die Schichtenfolge des untern nndmittlern Lias in Norddeutschland. Neues Jahrb. von Leonh. u. Gein. 1863 pag. 162 — 168) vorausgeschickt. Auf denselben Gegenstand bezog sich auch ein im neuen Jahrbuch 1864, 2. Heft abgedrucktes Schreiben an Professor Geinitz in Dresden. Ebenso wurde eine Monographie der ausseralpinen Liasbrachiopoden vorbereitet, es kam aber dieselbe nicht zur Ausführung.

Nach mehreren Reisen in verschiedenen Theilen Deutschlands besuchte Schloenbach im Semptember 1864 die in Giessen tagende Versammlung deutscher Naturforscher und Arzte und trat von dort aus eine Reise nach Frankreich an, das er an verschiedenen geologisch ausgezeichneten Punkten kennen lernte. Ueher die Resultate dieses Ausflugs berichtete er dann eingebend in der Zeitstfhr. d. deutsch, geol. Ges. 1865 in einem Schreiben an Professor Beyrich. Als eine weitere Fracht des Aufenthaltes in Frankreich muss der Vortrag bezeichnet werden, den Schloenbach vor der im Herbst 1865 in Hannover tagenden Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte „über die Parallelen zwischen dem obern Pläner Norddeutschlands und den gleichaltrigen Bildungen im Seinebecken" (abgedruckt im amtlichen Bericht dieser Verh. und im neuen Jahrb. von L. und G. 1866) hielt. Ueber einen spätem Besuch in Frankreich zur Zeit der Pariser Weltausstellung hat Schloenbach in unsern Verhandlungen (1867 p. 278) berichtet. Inzwischen war auch wieder eine grössere paläontologische Arbeit von unserem Freunde erschienen unter dem Titel „Ueber einige neue und weniger bekannte jurassische Amnioniten" (Cassel 1865, Paläontograph. 13. Bd. 1. Heft), in welcher Arbeit das kritische Talent und der Formensinn des jungen Autors sich zu zeigen aufs neue die Gelegenheit fanden. Den Anschauungen der Oppersehen Schule folgend schien es ihm, wie er bei einer andern Gelegenheit (Jahrb. Reichsanst. 1867, p. 591) sich ausdruckte, bei paläoutologischen Begrenzungen wUnschenswerther getrennt zu halten, was sich trennen lässt, als zu vereinigen, was man unterscheiden kann.

Seit jener ersten französischen Reise hatte Schloenbach eine besondere Vorliebe für das Studium der Kreideformation gewonnen, während ihn unter den für die paläontologische Geologie wichtigen Thierklassen die Brachiopoden vornehmlich fesselten. Aus dieser combinirten Neigung gingen bald einige mehr oder minder wichtige Arbeiten hervor. Zunächst erschien ein Aufsatz „über die Brachiopoden aus dem untern Gault (Aptien) von Ahaus in Westphalen (Zeitsehr. deutsch geol. Ges. 1S66, p. 364—376). In den „kritischen Studien über Kreidebrachiopoden" (Cassel 1866, Paläontograph. 13. Bd., 6(3 Seiten mit 3 Taf.), die mit einem grossen Aufwand von litterarischen Hilfsmitteln durchgeführt wurden, erwarb sich der Verfasser sodann noch mehr als in seinen früheren Pnblicationen den Dank und die Anerkennung der Fachgenossen. Als eine Fortsetzung dieser Arbeit ist dann die Abhandlung zu betrachten, welche unter dem Titel „über die Brachiopoden der norddeutschen Cenomanbildungen" in der damals neu gegründeten Beneke'schen Zeitschrift: Gcognostisch-paläontologische Beiträge (1. Bd., p. 399—506 mit. 3 Tafeln, München 1867) erschien. In jener Zeit wurde auch schon die Untersuchung vorbereitet, deren Ergebniss später als „Beitrag zur Altersbestimmung des Grünsandes von Rothenfelde unweit Osnabrück" im neuen Jahrb. von Leonh. u. Gein. 1869 (p. 808—841 mit 2 Taf.) zum Abdruck gelangte, wobei dieser Grünsand, den man bis dahin als zur Quadratenkreide gehörig anzusehen geneigt war, als der Zone des Scaphites Geinitzi entsprechend charakterisirt wurde. Gleich hier mag auch der kritischen Abhandlung „über die norddeutschen Galeritenschichten und ihre Brachiopodenfauna" gedacht werden (Sitzungsber. der k. k. Akademie d. Wissenschaften Wien 1868, 1. Abth. mit 3 Taf.) in welcher die betreffenden Schichten als zu einer einzigen Zone gehörig dargestellt wurden.

Im Frühjahr 1867 kam Schloenbach zum erstenmal nach Wien. Er hatte mit einigen Freunden eine Reise nach SUdtirol verabredet und wünschte sich deshalb in den Sammlungen unserer Anstalt über die dort vorkommenden Formationen zu orientiren. Seine Wissenschaftlichkeit,

V. Zur Erinnerung an Urban Schloenbach.

Von Dr. Emil Tietze.

Als im Spätherbste vorigen Jahres die Mitglieder der geologischen Reichsanstalt von ihren Reisen zurückgekehrt, sich wieder in Wien einfanden, da wurde allgemein die Lücke aufs neue empfunden, welche der am 13. August 1870 plötzlich erfolgte Tod Urhan Schloenbach s im Kreise seiner Freunde und Arbeitsgenossen verursacht hatte. Es machte sich das Bedlirfniss geltend, ein in kurzen Zügen geschriebenes Bild des Verstorbenen und seiner so vorzeitig beendeten Thätigkeit zu besitzen, und man war der Meinung, es dürfte ein derartiger Versuch auch den ändern zahlreichen Freunden dieses in der Blttthe seiner Jahre dahingerafften Forschers nicht unwillkommen sein.

Obschon nur kurze Zeit mit dem Verstorbenen bekannt, glaube ich demselben dennoch zum wenigsten, was den Grad der meinerseitigen Schätzung Urban Schloenbach's betrifft, nahe genug gestanden zu sein um es zu rechtfertigen, wenn ich dem oben berührten Wunsche entgegenkomme. War mir doch auch die schmerzliche Befriedigung vergönnt, dem Dahingeschiedenen in seinen letzten Lebenstagen, in seiner Todesstunde zur Seite zu sein.

Wenn jch es nun unternehme einen kurzen Abriss von dem Leben und insbesondere von den wissenschaftlichen Bestrebungen Schloenbach's zu geben, so muss ich übrigens gleich hier vorausschicken, dass die ausführlichen biographischen Notizen, welche der Vater des Verstorbenen, Herr Ober-Salineninspector A. Schloenbach zu Salzgitter in Hannover auf Ansuchen uns mitzutheilen die Freundlichkeit hatte, den Verfasser dieser Zeilen, deren wesentlichste Unterlage eben diese Notizen bilden, zum grössten Danke verpflichten.

Georg Justin Carl Urban Schloenbach wurde am 10. März 1841 auf der altfürstlich braunschweig'schen Allodialsaline Liebenhall bei Salzgitter in Hannover geboren, als Sohn des soeben erwähnten dortigen OberSalinenhispectors Herrn Albert Schloenbach. Urban genoss bis zum 11. Jahre den Unterricht einer Privatschule zu Salzgitter, kam dann Ostern 1852 zu seinen Grosseltern nach Goslar, um das dortige Gymnasium

Jahrbuch dir k. k. etologiicheo Heichiauitalt. 1871. 11. Band. t. Heft (Tielie.) g

besuchen zu könneu; Ostern 1855 nach Hildcsheim zum Besuch des dortigen Gymnasiums „Andreanum" Übergesiedelt, machte er daselbst nach zurückgelegtem 18. Lebensjahre sein Examen der Reife für die Universität.

Mit einem vorzüglichen Zeugniss verschen, bezog Urban nun die Göttinger Hochschule. In der Familie Schloenbach'« hatte sich ein gewisser Hang zu naturwissenschaftlichen Studien schon seit Geschlechtern so zu sagen fortgeerbt, und unter den Verwandten mütterlicherseits war es vorzugsweise der Oberforstmeister v. Unger, dessen Einfluss auf die Vorliebe des jungen Urban für Naturkunde Geltung erlangte. War es urprünglich die Botanik, für welche der jüngere Schloenbach sich erwärmte, so bestimmten ihn doch verschiedene Gründe, und besonders auch das freundliche Entgegenkommen des Professors Bödecker, sich in Göttingen für das Studium der Chemie als Hauptfach zu entscheiden. Daneben musste aber auch den Eigentümlichkeiten der deutschen Universitätssitten der Tribut gezollt werden, den die academische Jugend in Deutschland dem Reize und der Poesie des Burschenlebens so gern darzubringen pflegt. Auch unser Freund folgte dem Zuge studentischer Geselligkeit und wurde Mitglied eines Corps. Wenn auch für den wissenschaftlichen Eifer, soweit er sich auf stetige Aneignung positiver Kenntnisse bezieht, das Treiben solcher Verbindungen nicht eben sehr förderlich zu sein pflegt, so wirkt doch der kameradschaftliche Verkehr mit so vielen jugendlich frischen Genossen, denen man sich mit einer Offenheit und Ehrlichkeit zu vertrauen pflegt, wie sie in andern Verhältnissen und in andern Kreisen kaum bekannt ist, fast immer günstig anregend und kräftigend auf Geist und Gemüth des Studirenden. Eiu berechtigter Grad von Selbstbewusstsein erwacht, und wenn irgend etwas geeignet ist, denjenigen Grad von Pedanterie fernzuhalten, den die ausschliessliche Beschäftigung mit den Wissenschaften nur zu häufig erzeugt, und wenn irgend etwas während der academischen Lehrzeit dazu angethan ist, den Sinn für selbständige Frische offen zu halten und vor jeuer Pergamentwerdung des Gemüthes nicht allein, sondern auch vor jener gesellschaftlichen Unzulänglichkeit zu bewahren, welcher Gelehrte nicht selten verfallen, dann ist es in vielen Fällen die heitere Lust des Burschenthums, der jugendliche Frohsinn des academischen Lebens. Wir haben wohl ebensowenig Grund unserem Freunde die beiden Semester, die er in Göttingen zubrachte, zu verargen, so wenig er selbst diese Zeit bereut hat.

Von Göttingen siedelte Schloenbach dann Ostern 1860 nach Tübingen über, und hier bekam derselbe zuerst Geschmack am geologischen und paläontologischen Studium sowohl durch die lebendigen und geistreichen Vorträge F. A. v. Quenstedt's als durch zahlreiche Excursionen, die er unter der Leitung jenes bewährten Meisters mitmachte, in einem Gebiet, wie es paläontologisch ergiebiger und zugleich in stratigraphischer Hinsicht für Anfänger lehrreicher in den Umgebungen deutscher Hochschulen nicht wohl gedacht werden kann. Ostern 18(31 wechselte unser Freund dann abermals seinen Aufenthalt und ging nach München. Der Aufenthalt in München wurde entscheidend für die wissenschaftliche Richtung, die Schloenbach von da ab verfolgte, nicht allein insofern er seit jener Zeit ausgesprochenermassen sich der Geologie und Paläontologie widmete, sondern auch in Betracht seiner wissenschaftlichen Auffassung und der Grundsätze, besonders bei paläontologischen Untersuchungen. Schloenbach hatte in Tübingen einen jüngeren Bruder des damals noch lebenden, bekannten Münchner Paläontologen Oppel kennen gelernt. Durch diesen seinen Freund wurde er bald im Hause des Prof. Oppel näher bekannt und jn den Zirkel junger Männer eingeführt, die sich damals um Oppel abendlich zu versammeln pflegten. In diesem Kreise bildeten Gegenstände von wissenschaftlichem oder ästhetischem Interesse den Mittelpnnkt der Unterhaltung. Die Mittheilungen dos älteren Oppel über paläontologische Dinge und die Besprechung neuer literarischer Erscheinungen aus diesem Gebiet erweckten in unserem Freunde eine immer lebhaftere Neigung flir dieses Fach, und im Hinblick auf die Aufmunterungen Oppel's bat er seinen Vater, sich gänzlich derartigen Studien widmen zu dürfen. Gern wurde diese Bitte gewährt.

Dem Einfluss Oppel's war es zuzuschreiben, wenn Schloenbach zunächst den jurassischen Bildungen seine Aufmerksamkeit zuwendete, einige Studienreisen im Bereiche des norddeutschen Jura antrat, die später noch öfter wiederholt wurden, und dass er im Sommer 1862 in Gemeinschaft mit dem gegenwärtigen ostindischen Staatsgeologen Waagen nach der Schweiz reiste, wo er nnter ändern das Glück hatte, unter der Führung der bekannten Schweizer Geologen Mosch und Gressly den Jura in den Cantonen Aargau und Solothurn kennen zu lernen.

Im November 1862 vertauschte unser Freund seinen Aufenthalt in München mit dem in Berlin, wo er seine Studien unter der Leitung der Professoren Beyrich und Gustav Rose und im Umgange mit jüngeren Fachgcnossen wie C. v. Seebacb, Eck, Kunth und Anderen fortsetzte. Im Frühjahr 1H63 beschloss er dann, sich den Doctorgrad zu erwerben, gestützt auf eine Abhandlung „über den Eisenstein des mittleren Lias im nordwestlichen Deutschland mit Berücksichtigung der älteren und jüngeren Liasschichten". (Inauguraldissertation, später im 3. Heft des 15. Band der Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft abgedruckt.) Am 25. Juni 1863 fand die feierliche Promotion Schloenbach's zum Doctor der Philosophie in Halle statt, wohin sich der angehende Gelehrte inzwischen begeben hatte. In der bezeichneten Abhandlung wurden diese Eisensteine der Zone des Amnonites Jamesoni zugewiesen und die recht zahlreiche, von ihnen eingeschlossene Fauna mit mehreren neuen Arten bekannt gegeben. Auch das über die Gliederung der liassischen Bildungen Norddeutschlands dabei Gesagte verdient hervorgehoben zu werden. Einige Beobachtungen in letzterer Hinsicht hatte Schloenbach schon früher („die Schichtenfolge des untern nndmittlern Lias in Norddeutschland. Neues Jahrb. von Leonh. u. Gein. 1863 pag. 162 — 168) vorausgeschickt. Auf denselben Gegenstand bezog sich auch ein im neuen Jahrbuch 1864, 2. Heft abgedrucktes Schreiben an Professor Geinitz in Dresden. Ebenso wurde eine Monographie der ausseralpinen Liasbrachiopoden vorbereitet, es kam aber dieselbe nicht zur Ausführung.

Nach mehreren Reisen in verschiedenen Theilen Deutschlands besuchte Schloenbach im Semptember 1864 die in Giessen tagende Versammlung deutscher Naturforscher und Arzte und trat von dort aus eine Reise nach Frankreich an, das er an verschiedenen geologisch ausgezeichneten Punkten kennen lernte. Ueher die Resultate dieses Ausflugs berichtete er dann eingebend in der Zeitstfhr. d. deutsch, geol. Ges. 1865 in einem Schreiben an Professor Beyrich. Als eine weitere Fracht des Aufenthaltes in Frankreich muss der Vortrag bezeichnet werden, den Schloenbach vor der im Herbst 1865 in Hannover tagenden Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte „über die Parallelen zwischen dem obern Pläner Norddeutschlands und den gleichaltrigen Bildungen im Seinebecken" (abgedruckt im amtlichen Bericht dieser Verh. und im neuen Jahrb. von L. und G. 1866) hielt. Ueber einen spätem Besuch in Frankreich zur Zeit der Pariser Weltausstellung hat Schloenbach in unsern Verhandlungen (1867 p. 278) berichtet. Inzwischen war auch wieder eine grössere paläontologische Arbeit von unserem Freunde erschienen unter dem Titel „Ueber einige neue und weniger bekannte jurassische Amnioniten" (Cassel 1865, Paläontograph. 13. Bd. 1. Heft), in welcher Arbeit das kritische Talent und der Formensinn des jungen Autors sich zu zeigen aufs neue die Gelegenheit fanden. Den Anschauungen der Oppersehen Schule folgend schien es ihm, wie er bei einer andern Gelegenheit (Jahrb. Reichsanst. 1867, p. 591) sich ausdruckte, bei paläoutologischen Begrenzungen wUnschenswerther getrennt zu halten, was sich trennen lässt, als zu vereinigen, was man unterscheiden kann.

Seit jener ersten französischen Reise hatte Schloenbach eine besondere Vorliebe für das Studium der Kreideformation gewonnen, während ihn unter den für die paläontologische Geologie wichtigen Thierklassen die Brachiopoden vornehmlich fesselten. Aus dieser combinirten Neigung gingen bald einige mehr oder minder wichtige Arbeiten hervor. Zunächst erschien ein Aufsatz „über die Brachiopoden aus dem untern Gault (Aptien) von Ahaus in Westphalen (Zeitsehr. deutsch geol. Ges. 1S66, p. 364—376). In den „kritischen Studien über Kreidebrachiopoden" (Cassel 1866, Paläontograph. 13. Bd., 6(3 Seiten mit 3 Taf.), die mit einem grossen Aufwand von litterarischen Hilfsmitteln durchgeführt wurden, erwarb sich der Verfasser sodann noch mehr als in seinen früheren Pnblicationen den Dank und die Anerkennung der Fachgenossen. Als eine Fortsetzung dieser Arbeit ist dann die Abhandlung zu betrachten, welche unter dem Titel „über die Brachiopoden der norddeutschen Cenomanbildungen" in der damals neu gegründeten Beneke'schen Zeitschrift: Gcognostisch-paläontologische Beiträge (1. Bd., p. 399—506 mit. 3 Tafeln, München 1867) erschien. In jener Zeit wurde auch schon die Untersuchung vorbereitet, deren Ergebniss später als „Beitrag zur Altersbestimmung des Grünsandes von Rothenfelde unweit Osnabrück" im neuen Jahrb. von Leonh. u. Gein. 1869 (p. 808—841 mit 2 Taf.) zum Abdruck gelangte, wobei dieser Grünsand, den man bis dahin als zur Quadratenkreide gehörig anzusehen geneigt war, als der Zone des Scaphites Geinitzi entsprechend charakterisirt wurde. Gleich hier mag auch der kritischen Abhandlung „über die norddeutschen Galeritenschichten und ihre Brachiopodenfauna" gedacht werden (Sitzungsber. der k. k. Akademie d. Wissenschaften Wien 1868, 1. Abth. mit 3 Taf.) in welcher die betreffenden Schichten als zu einer einzigen Zone gehörig dargestellt wurden.

Im Frühjahr 1867 kam Schloenbach zum erstenmal nach Wien. Er hatte mit einigen Freunden eine Reise nach SUdtirol verabredet und wünschte sich deshalb in den Sammlungen unserer Anstalt über die dort vorkommenden Formationen zu orientiren. Seine Wissenschaftlichkeit,

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