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Gedanken zur frühen Kreideforschung: Was war vor Geinitz?

tags: dresden, historie, elbsandsteingebirge, pirna, krebs, dohna, cotta, zschonergrund, schulze
Schulze, 1760: Abdruck eines kretazischen Seesterns aus den sogenannten Pirnaischen Sandsteinbrüchen (Elbstandsteingebirge)
Schulze, 1760: Abdruck eines kretazischen Seesterns aus den sogenannten Pirnaischen Sandsteinbrüchen (Elbstandsteingebirge)
Jeder, der sich auch nur ein wenig mit der sächsischen Kreide und deren Fossilien beschäftigt, wird eher Früher als Später auf den Namen Hanns-Bruno Geinitz stoßen. H.B. Geinitz (1814-1900) kann als Begründer der Kreideforschung in Sachsen gelten. In der ersten monographischen Bearbeitung der sächsischen Oberkreide-Petrefakten hat er dazu den Grundstein bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gelegt und Selbiges bis zu seinem Tod geprägt. Allerdings veröffentlichten einige Naturforscher bereits 80 Jahre vor Geinitz (kleinere) Arbeiten über Fossilien der sächsischen Kreide.

In der sächsischen Schweiz - genauer im Elbsandsteingebirge - wurde seit jeher der begehrte Baustoff Sandstein von Hand abgebaut[1]. "Steinwüchse" sind den Steinbrechern wohl zwangsläufig untergekommen, auch wenn Diese, einige dieser Zeugnisse fehlgedeutet haben mögen. Sie waren im  Volksmund unter Namen, wie "Judensteine" ("Judennadeln"), "Krötensteine" und weiteren, sehr fantasievoll anmutenden Beschreibungen, bekannt[2]. Allerdings standen diesen Deutungen auch ernsthafte Überlegungen gegenüber. Georgius Agricola (1494-1555) hat Versteinerungen als solche erkannt und in seinem Werk "De natura fossilium" beschrieben[3].

Von Interesse sind die Veröffentlichungen, die aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammen. Sie erwähnen Versteinerungen aus dem "Plauischen Grunde" (der Plauenscher Grund ist ein Tal zwischen Dresden-Plauen und Tharandt bei Freital), Funde im Zschonergrund in Cotta, (Dresden) sowie von einem sogenannten "Petrefactenberg" zwischen Krebs (Dohna) und "Zehist" (Zehista, Pirna). 

Der Dresdner Arzt Christian Friedrich Schulze (1730-1775)

Schulze, 1760Der Dresdner Arzt und Naturforscher Christian Friedrich Schulze veröffentlichte mehrere Arbeiten u.a. im (Neuen) Hamburgischen Magazin mit Themen zur Natur und Naturhistorie der Dresdner Gegend. In seiner Arbeit über die "versteinerten Seesterne und ihrer Theile" von 1760[4] finden sich Abbildungen eines Seesternabdruckes aus dem sächsischen Elbsandsteingebirge (Abb. 2), sowie von "Korallengewächsen" (Abb. 3) aus dem Pläner der Dohnaer Gegend. Der Abbildung nach handelt es sich bei Letzteren aber um Spurenfossilien, nicht um Korallen.

 

Abdruck eines Seesternes aus dem Elbsandsteingebirge

Abbildung 2, zeigt einen Abdruck eines Seesterns [? "Stellaster schulzei" (Andert)] aus den "pirnaischen Sandsteinbrüchen". Eine genaue Beschreibung des Fundortes wird nicht gemacht. Die Abbildung stammt aus Christian Friedrich Schulzes "Betrachtung der versteinerten Seesterne und ihrer Theile" von 1760 (pp. 53ff. Tab. II, Abb. 6)[4]. In der Sammlung der Deutschen Fotothek findet sich eine Fotografie eines "Stellaster Schulzei" aus dem Mittel bis Oberturon (Postelwitz-Formation) von Wehlen (Sächsische Schweiz).

p. 53:
§38.
Man finden in den pirnaischen Sandsteinbrüchen bisweilen Abdrü-
cke, welche, ihrer Beschaffenheit nach, zu dem Geschlechte der fünf-
stralichten Seestern mit aufgeritzten Stralen, gehören. [...]

p. 54:
Tab. II. no 6.
Auf dem 2. Kupferblate ist, unter der 6 ?? die Figur eines See-
sternes zu sehen, welcher ebenfalls in den besagten Sandsteinbrüchen
gefunden worden

(Schulze, C.F. 1760b[4])

Schulze, 1760

Abbildung 3 zeigt eine Plänerplatte, die "bey Dresden, und zwar ohnweit Krebs, auf dem so genannten Petrefactenberge" (§36, p. 47) gefunden wurde. Schulze interpretierte die Strukturen auf dem Stück fälschlicherweise als Reste von Korallen. Es dürfte sich dabei wohl eher um Spurenfossilien im Pläner handeln.

Der "Petrefactenberg" zwischen Krebs (Dohna) und Zehista (Pirna)

Erst bei der Rechere in der "Vor-Geinitzschen" Literatur (Schulze[5], Leonhardi[6]) ist mir der Begriff "Petrefactenberg" untergekommen. Der Petrefactenberg ist eine "1/2 h fortlaufende Anhöhe", auf der sich das Dorf Krebs (heute zu Dohna) und "Zehist" befinden; gemeint ist der Pirnaer Ortsteil Zehista (siehe Abb. 4).

1760 veröffentlichte C.F. Schulze im Dresdnischen Magazin seine "Kurze Nachricht von dem so genannten Petrefactenberge ohnweit Dresden".  Er berichtet von Kammmuscheln, "Anomiten" (Brachiopoden; siehe  J.S. Schröter, 1774), "Gryphiten" (Austern) und "Cophsteinen" (Tropfstein Sinterstein; siehe J.C. Stößel, 1778). Er erwähnt walzenförmigen Steinfiguren ("Walzensteine"), die er als Korallen interpretierte (siehe Abb. 3).

Karte

Abbildung 4: "Pirna-Zuschendorf. Oberreit, Sect. Stolpen, 1821/22"; Foto: SLUB/Deutsche Fotothek (Datei:df_rp-c_0750005); via Wikimedia; Lizenz: CreativeCommons by-sa-2.0-de

Der Begriff "Petrefactenberg" umfasst wohl ein Gebiet, welches heute unter dem Namen Eulengrund bekannt ist, sowie die nördlich liegende Anhöhe. Das Tal wurde zu DDR-Zeiten militärisch genutzt (Abb. 6). Spuren der Anlagen finden sich noch heute dort. Meine Vermutung, dass die Anhöhe weiter südlich (Abb. 5) den Namen "Petrefactenberg" trug, konnte nach einer Begehung nicht bestätigt werden. Es fanden sich keinerlei Spuren kreidezeitlicher Sedimente im Bereich dieser südlichen Anhöhe (siehe auch Geol. Karte, Blatt Pirna). Die Beschreibungen von Schulze & Leonhardi lassen sich treffender auf den Eulengrund und das nördliche Gelände anwenden.

Oktober 2010

Abbildung 5: Blick von einer Anhöhe ein Kilometer südlich des mutmaßlichen Petrefactenberges in Richtung Süden/Südosten. links: Pirna-Zuschendorf; rechts: Brücke über das Seidewitztal (A17).

Eulengrund

Abbildung 6 (oben) & 7 (unten): Zerstörte Betonreste im Eulengrund. An der Böschung stehen sandige Pläner an (wohl Unterturon). Ein umgestürzter Wachturm zeugt von einer militärischen Nutzung.

Reste einer mutmaßlich militärischen Anlage

Die Kreide in der Dohnaer Gegend ist sehr mannigfaltig. Der Kahlebusch in Dohna befindet sich nur wenige Kilometer westlich; die ehemalige Autobahnfundstelle an der Brücke über das Seidewitztal etwa 3 Kilometer südlich vom "Petrefactenberg".

Zschonergrund bei Dresden-Cotta/Briesnitz

In einer späteren Arbeit (1770) über die "Seltenheiten der Natur" im Zschonergrund ("Schoonegrund")[7] in Dresden-Cotta  finden sich zwei Abbildungen von wohl turonen Muscheln. Dieses Cotta ist nicht zu verwechseln mit der, für den "Cottaer Bildhauersandstein" bekannten Gemeinde Cotta in der sächsischen Schweiz. 

Den (leider schlechten) Abbildungen nach, könnte es sich um Vertreter der Gattung Incoeramus handeln. Schulze stellte die Stücke zu den "Mytulyten". Die Schreibweise ist wohl eine Variante von "Mytiliten" (auch Mytuliten oder Mityliten) - eine Bezeichnung für "versteinte" Miesmuscheln; siehe J.G. Krünitz, 1773-1858.

Seltenheiten der Natur im Zschonergrund bei Dresden-Cotta

Abbildung 8 (nur Figur 8 und 9) mit Stücken aus einem Plänersteinbruch im Zschonergrund bei Dresden-Cotta (wohl Turon). Es könnte sich bei den Stücken um Inoceramus handeln. Die Gattung wurde erst 1814 von J. Sowerby beschrieben. (Taf. 2, Fig. 8 & 9 in C.F. Schulze, 1770[7]).

p. 70:
In eben dieser Gegend, und zwar hinter dem
Dorfe Cotta, befindet sich ein beträchtlicher Stein-
bruch, in welchem die sogenannten Pläner gebro-
chen werden, welche man hier zum Aufbauen der
Häuser und Mauren anwendet. [...]

p. 71:
Tab. 2. Fig. 8 Die erstere ist mit bogen-
förmigen Erhöhungen und Vertiefunden bezeich-
 
p. 72:
net, sehr platt, und bisweilen 4 bis 5 Zoll lang,
an dem obersten Theile aber 2 1/2 bis 3 Zoll breit;
da sich hingegen der unterste Theil derselben in
eine stumpfe Spitze endiget. SIe kommt daher
der sogenannten gefurchten Auster sehr nahe,
außer daß die chale dieser Versteinerung unge-
mein dünne ist.
  Tab. 2. Fig. 9. Die andere Art ist gleich-
falls länglicht, und der Queere nach gestreift; al-
lein sie ist viel kürzer, schmäler und erhabener,
als die vorhergehende, und vermöge dieser Be-
schaffenheit verdient sie eine Stelle unter den so-
genannten Mytulyten, indem sie insgemein
2 1/2/ Zoll lang, und 1 ?? Zoll breit ist.
[...]

 (Schulze, C.F. 1770[7])

"Der Plauische Grund bey Dresden"

Die Beschreibungen von "Medusenhäuptern" und "Korallengewächsen" aus dem Plauenschen Grund  zwischen dem heutigen Ortsteil Dresden-Plauen und Tharandt bei Freital werden in einem separatem Beitrag abgehandelt. Neben C.F. Schulze beschrieb auch E.C. Hoffmann Versteinerungen aus dem plauischen Grund. Auch dem Begründer der modernen Taxonomie, Carl von Linné (1707-1778) waren Funde von Korallen aus dem Plauenschen Grunde bekannt.

Fortzsetzung folgt...........

Literatur

  1. Bartsch, A., 2005.
    Auf den Spuren der Steinbrecher (Geschichtlicher Abriss der Sandsteingewinnung in der Sächsischen Schweiz). www.steinbruchfuehrungen.de/geschichte.htm (abgerufen am 11.2.2010).
  2. Gruber, B., 1980.
    Fossilien im Volksglauben (als Heilmittel). Linzer Biologische Beiträge 12 (1): 239-242. Digitalisat
  3. Lehmann, E., 1809-1810.
    Georg Agricolas Mineralogische Schriften - übersetzt und mit erläuternden Anmerkungen. Band 1, Band 2 & 3.
  4. Schulze, C. F., 1760.
    Betrachtung der versteinerten Seesterne und ihrer Theile: 1-58. Digitalisat
  5. Schulze, C. F., 1760.
    Kurze Nachricht von dem so genannten Petrefactenberge ohnweit Dresden. Dresdnisches Magazin, oder Ausarbeitungen und Nachrichten zum Behuf der Naturlehre, der Arzneykunst, der Sitten und der schönen Wissenschaften. Dresden 1 (1): 73-78. Digitalisat
  6. Leonhardi, M. F. G, 1788.
    Erdbeschreibung der Churfürstlich- und herzoglich Sächsischen Lande: 1-649. Digitalisat
  7. Schulze, C. F., 1770.
    Nachricht von dem ohnweit Dresden befindlichen Zschonengrunde, von den darinnen vorhandenen Seltenheiten der Natur. Neues Hamburgisches Magazin oder Fortsetzung gesammleter Schriften aus der Naturforschung der allgemeinen Stadt- und Land-Oekonomie und den angenehmen Wissesnschaften überhaupt 7 (37): 3-75. Digitalisat
  8. Schulze, C. F., 1769.
    Nachricht von den in der dreßdnischen Gegend vorhandenen Mineralien und Foßilien. Neues Hamburgisches Magazin oder Fortsetzung gesammleter Schriften aus der Naturforschung der allgemeinen Stadt- und Land-Oekonomie und den angenehmen Wissenschaften überhaupt 6 (31): 195-232. Digitalisat
  9. Tröger, K.-A., 2001.
    Hans Bruno Geinitz und seine Bedeutung für die heutige Oberkreide-Forschung. Geologica Saxonica - Journal of Central European Geology (Museum für Mineralogie und Geologie Dresden) (Dresden) 46/47.

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